aus 3 mach 1

Fragen / Tips zu Serienmaschinen und was sonst nirgends reinpasst
django013
Beiträge: 1537
Registriert: 18.01.2016, 17:12

aus 3 mach 1

Beitrag von django013 » 13.03.2019, 05:55

Moin moin,

seit kurzem habe ich eine neue Wirkungsstätte:
APneu02a.JPG
Yo - die Halle wird umgebaut. 3 Maschinen mussten für eine neue weichen.
Da die neue geringfügig größer wird, muss auch das Fundament tiefer werden.
Inzwischen sieht die Baustelle so aus:
APneu04.jpg
4m tief, gute 20m lang ...
An den Seitenrändern sieht man noch die alten Fundamente ...
Nein - das gibt keinen neuen Swimmingpool :D

Bis die neue dort einsatzfähig ist, könnte noch ein gutes halbes Jahr ins Land gehen.
Jedenfalls freue ich mich schon riesig auf das Erlebnis, mal Profis bei der Arbeit zuschauen zu dürfen :)
Besonders gespannt bin ich auf das Einmessen der Maschine.
Ach so - ja, die Neue wird eine Portalfräse mit 5m Portaldurchlass und ca. 20m Länge. Nutzlast ca. 30t

Bis es soweit ist, darf ich am kleinen Plattenbohrwerk arbeiten. Werkstücke so ab 2,5t aufwärts ...
Gefräst wird fast ausschließlich Werkzeugstahl. Alle Maschinen werden über Heidenhain gesteuert - also ein Heimspiel für mich :)
APneu05.jpg
Schätze mein Engagement in Richtung CNC zahlt sich jetzt aus ;)

Gruß Reinhard

holger
Beiträge: 85
Registriert: 08.08.2018, 18:16

Re: aus 3 mach 1

Beitrag von holger » 13.03.2019, 06:57

Da bin ich dann auch mal gespannt, wie die neue Fräse so ensteht und ausgerichtet wird!

"neue Wirkungsstätte": ich dachte ja immer, du wärst schon Rentner, aber dann hast du wohl einfach nur zu viel mit deinem Alter kokettiert.

django013
Beiträge: 1537
Registriert: 18.01.2016, 17:12

Re: aus 3 mach 1

Beitrag von django013 » 13.03.2019, 07:26

ich dachte ja immer, du wärst schon Rentner ...
Naja - ich habe die 60 überschritten und die letzten Jahre kam ich (aus familiären Gründen) einem Rentner sehr nah.
Anfang des Jahres haben sich meine Lebensumstände erneut geändert, sodass ich nochmal den Schritt in ein neues Gebiet wagte.
Als jemand, der die letzten 30 Jahre nur am Schreibtisch verbrachte, ist das jetzt eine völlig neue (körperliche) Herausforderung. Aber mir gefällt es und ich hoffe, dass meine Gesundheit noch eine Weile mitmacht ;)

Gruß Reinhard

KarlG
Site Admin
Beiträge: 3517
Registriert: 22.12.2015, 22:17

Re: aus 3 mach 1

Beitrag von KarlG » 13.03.2019, 08:27

Schöne Spielzeuge für große Jungs! :D

Gruss
Karl

fliegerkind
Beiträge: 293
Registriert: 06.01.2016, 20:18

Re: aus 3 mach 1

Beitrag von fliegerkind » 13.03.2019, 11:47

Hallo Reinhard!

Beim Lesen Deines Beitrags und beim Foto gucken überfällt mich mit Schrecken, dass ich via Mail noch nicht geantwortet habe (sorry, mache ich noch). Wenn dieses "Monster" einmal fertig ist, lasse ich bei Dir sicher eine neue Karosserie für mein Auto fräsen (sozusagen Lamborghini auf Peugeot-Gestell) :-).

Viel Spaß bei der neuen Aufgabe - bist schon beim Lernen? Oder zahlt Dir Scheffe da Spezialausbildung?
LG, Heini

django013
Beiträge: 1537
Registriert: 18.01.2016, 17:12

Re: aus 3 mach 1

Beitrag von django013 » 14.03.2019, 07:55

Moin moin,

@Karl
das trifft es ziemlich genau. Weiß nicht, ob Du Dir vorstellen kannst, wie befreiend der Schritt für mich war. Endlich die verlogene IT hinter mir zu lassen und zum echten Handwerk zu wechseln, wo der Handschlag noch was zählt. Finanzielle Einbußen - klar. Dafür aber keine Albträume mehr, keine Gewissenskonflikte, sondern Freude auf den nächsten Tag ...

@Heini
alles gut - ich schrieb Dir ja, Du sollst Dir keinen Stress machen :)

Ja, ich komme mir vor wie Alice im Wunderland. Vor zwei Jahren habe ich mit einem Kumpel Wanderurlaub im Elbsandsteingebirge gemacht. Per Zufall erfuhren wir, dass man dort im Hauruck-Verfahren den CNC-Fachmann mit staatlicher Anerkennung machen kann.
Mein Kumpel - ein Dreher mit 30 Jahren Maschinenerfahrung meinte: das könnte ich gut in meinem Portfolio brauchen.
Ich, unbedarft und spontan - wie immer, nur: ok, bin dabei.
Für mich war aber Drehen zu langweilig. Für mich kam nur Fräsen in Frage.
Die Programmierung der Steuerungen mussten wir uns selbst reinziehen. An den Maschinen gab es ne kurze Einweisung und dann ging's ans Späne produzieren. Tagsüber Einweisung an Maschinen und abends rauchten die Köpfe in der gemeinsamen Ferienwohnung.
Wie auch immer - wir haben beide recht gut abgeschnitten und hatten so einen richtig erfüllten Urlaub :)
Der Schein war jetzt kwasi meine Eintrittskarte für den Job.
In Deutschland geht ja nix ohne Schein. Schein alleine reicht auch den meisten ... ;)

Da hier die meisten Fräsjobs 3D-Oberflächen sind, kannst Du als Fräser nicht viel machen. Nur zusehen und staunen.
So lernt man auch schnell, wie teuer es ist, das CAM nicht auf seine Bedürfnisse zu optimieren.
Ne Maschinen, die viel in der Gegend herum fährt, kostet richtig Geld.
Wendeplatten halten ungefär 30min - dann ist Wechseln angesagt.
Bei der Gelegenheit merkt man dann auch den Unterschied zwischen einer Profisteuerung (Heidenhain) und Hobbysteuerungen. Im Job der 3D-Fläche kann man einfach den laufenden Satz unterbrechen, die Maschine wegfahren, um das Werkzeug zu richten. Anschließend braucht man nur auf Start drücken und die Maschine macht dort weiter, wo man raus aus dem Programm ist. Gut, ein Hobbyzerspaner braucht die Funktionalität vielleicht nicht, aber mich hat es schon mächtig beeindruckt.
Ja und den ganzen Umgang mit Werkzeug lernt man bei so einer Hauruck-Nummer natürlich auch nicht.
Wie baue ich nen Messerkopf zusammen, was sind die richtigen Platten und welche Schrauben gehören zu welchem Messerkopf ...

Das was ich definitiv neu lernen muss, ist das Aufspannen. Dauert bei uns ca. einen Tag mit 2-3 Personen.
4m lange Teile auf Zehntel (zum Schruppen) oder Hunderstel (zum Schlichten) auszurichten, ist schon eine Herausforderung. Das fängt schon beim anseilen auf dem Kran an. Zum Ausrichten zum Schruppen gibt es "Passermarken" für jede Achse am Werkstück (Formguss).
So muss das Teil erstmal ausgerichtet werden.
Der Guss entspricht schon weitgehend der gewünschten Form, nur eben mit Aufmaß (20-30mm).
Da der Guss sich aber beim Abkühlen verzieht, muss man schon sehr genau prüfen, wie das Bauteil im Werkstück drin liegt. Kann sein, dass man an einer Stelle über 30mm Aufmaß hat und an anderen Stellen nur 1-2mm ...

Letztens war ein Teil da, da war der Guss so verzogen, dass das Bauteil nicht mehr ins Rohteil passte. Kunde musste den Rohling wieder abholen. Mal eben 100k€ für die Tonne.
Bei einem anderen Teil hatte sich Formsand ins Metallgefüge eingeschlichen. Da konnte man zuschauen, wie die Wendeplatten starben. Also erstmal den Sand rausflexen und dann wieder Maschine anwerfen ...

Aber das macht es auch spannend. Die praktische Seite des Berufes kennen zu lernen. Ich bin nicht der Typ für Fließband- oder Serienfertigung. Bei uns ist jedes Teil ein Unikat und man muss sich jedes Mal das Hirn wieder zermartern: wie spanne ich das richtig auf, sodass die Schwingungen es nicht aus den Haltern reißen ...
Da braucht man schon eine gute räumliche Vorstellungskaft und ein Verständnis für wirkende Kräfte und mögliche Verformungen durch Schwingungen ...

Auch körperlich ist es für mich eine Herausforderung. Nach 30 Jahren Schreibtischtäter ist der Körper auf sitzende Tätigkeiten eingestellt. Egal wie oft oder lange man ins Fitness-Studio geht.
8 Stunden am Stück an der Maschine stehen, ohne Möglichkeit, sich mal hinzusetzen ist schon eine Herausforderung für den Körper und die Umstellung braucht einfach Zeit. Zum Glück hat Cheffe Verständnis dafür :)

Genial auch der Kontakt mit Profi-CAD: letztens nahm Cheffe mich mit ins Büro um ein paar Eckdaten auszufassen.
Das Teil wird im Raum geschwenkt und die Transparenz der Flächen kann stufenlos geändert werden. Dann irgendeinen Punkt anklicken und schon erscheint eine Box mit den Koordinaten des Punktes. Die Box ist mit Maßhilfslinien mit dem Punkt verbunden und lässt sich beliebig verschieben.
Nur noch kurz auf Drucken drücken - und schon können die Maße mit an die Maschine genommen werden.
Das ist schon genial. Wenn die Baustelle fertig ist, werden alle Maschinen mit Viewern für das CAD ausgestattet - dann muss nicht mehr gedruckt werden :)

Gruß Reinhard

django013
Beiträge: 1537
Registriert: 18.01.2016, 17:12

Re: aus 3 mach 1

Beitrag von django013 » 22.03.2019, 05:27

... und es geht weiter :)

Formenbau mit 200er I-Profilen, 100er Winkeln und 4m Blechen ...
Formenbau01.jpg
Bei den Größen verhält sich das 200er I-Profil wie Kaugummi :shock:
Formenbau02.jpg
Wasserwaage ist zu grob, also wird die Feinausrichtung beim Anschweißen der Bleche gemacht.
Das ganze läuft dann unter verlorener Form ...

ca. 500m³ Beton werden in die Form kommen, außen wird mit Schotter aufgefüllt. Bei der Fundamentplatte haben 7-8 Betonmischerlaster ihren Inhalt in die Grube ergossen ...
Formenbau03.jpg
Gruß Reinhard

holger
Beiträge: 85
Registriert: 08.08.2018, 18:16

Re: aus 3 mach 1

Beitrag von holger » 22.03.2019, 18:12

Warum werkelt da unten in der Grube eine Playmobilfigur? :mrgreen:

Bei dem Aufwand will ich lieber nicht wissen, was eure Frässtunde kostet.

RobertD
Beiträge: 211
Registriert: 18.03.2018, 20:00

Re: aus 3 mach 1

Beitrag von RobertD » 22.03.2019, 21:34

Die Fundamente stehen nach dem Guss aber auch noch locker ein viertel Jahr. Am besten schon mal etwas vorbelastet mit größeren Bauteilen, die man in die Grube stellt.
Gruß,
Robert

django013
Beiträge: 1537
Registriert: 18.01.2016, 17:12

Re: aus 3 mach 1

Beitrag von django013 » 23.03.2019, 04:28

Moin moin,
Die Fundamente stehen nach dem Guss aber auch noch locker ein viertel Jahr.
Das scheint in der Planung bereits berücksichtigt zu sein, denn es hieß, die neue kommt in einem halben Jahr.
Das Fundament wird aber in den nächsten Tagen für den Guß bereit sein.
Bei dem Aufwand will ich lieber nicht wissen, was eure Frässtunde kostet.
Hm, also das richtig "Teure" ist das Wissen über die Maschinen, wie sich die Positioniergenauigkeit über den Tag verändert und wie sich die Positioniergenauigkeit in Abhängigkeit der Temperatur verändert.
Daran angepasst muss die Bearbeitung zu einer bestimmten Tageszeit/Temperatur erfolgen und deshalb wird die Bearbeitung in viele Teilprogramme gesplittet, damit der "Bediener" entscheiden kann, wann welches Teilprogramm gefahren wird.

Gruß Reinhard

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast